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Ozempic und Semaglutid: Risiko für plötzlichen Sehverlust

Junge Frau mit Brille hält sich die Schläfen vor einem Sehtest und Medikamenten am Tisch in hellem Raum.

Einst als „Wunder“-Spritzen zum Abnehmen gefeiert, stehen einige ursprünglich gegen Diabetes entwickelte Medikamente, die zur Gewichtsreduktion eingesetzt werden, nun wegen neuer Fragen von Augenfachleuten im Fokus.

Mit der wachsenden Beliebtheit injizierbarer Therapien zum Abnehmen rücken zwei grosse Studien eine seltene, aber einschneidende mögliche Nebenwirkung in den Mittelpunkt: einen plötzlichen und mitunter dauerhaften Verlust des Sehvermögens.

Ozempic: Vom Diabetesmedikament zum Abnehmtrend

Ozempic, Wegovy und Rybelsus wurden nicht als kosmetische Lösung entwickelt. Es handelt sich um Medikamente auf Semaglutid-Basis, die ursprünglich zugelassen wurden, um Menschen mit Typ-2-Diabetes bei der Regulierung ihres Blutzuckers zu unterstützen.

Diese Arzneimittel ahmen das Darmhormon GLP-1 nach. Es regt die Bauchspeicheldrüse zur Insulinausschüttung an, verlangsamt die Verdauung und vermittelt dem Gehirn ein starkes Sättigungsgefühl. Dadurch sind Patientinnen und Patienten häufig früher und länger satt.

Für viele Menschen bedeutet dies eine deutliche Gewichtsabnahme sowie bessere Werte bei Blutdruck, Cholesterin und Blutzucker. Bei Adipositas oder Diabetes kann das weniger Herzinfarkte und Schlaganfälle sowie ein längeres, gesünderes Leben bedeuten.

Soziale Medien machten aus dieser medizinischen Entwicklung jedoch etwas anderes. Bilder vom „Ozempic-Gesicht“ und von „Schlankheitsspritzen“ verbreiteten sich rasch auf TikTok und Instagram. Die Nachfrage stieg stark, auch bei Menschen, die weder besonders gefährdet noch stark übergewichtig waren.

Hinter dem Hype bemerkten Forschende in den Wartezimmern von Augenkliniken erste schwache, aber beunruhigende Muster.

Was die neuen Augenstudien tatsächlich zeigen

Eine seltene Erkrankung mit beunruhigendem Beinamen

Im Zentrum der Sorge steht eine Erkrankung mit komplexer Bezeichnung: die nicht-arteriitische anteriore ischämische Optikusneuropathie, kurz NAION. Augenärztinnen und Augenärzte sprechen mitunter von einem „Schlaganfall des Auges“.

Eine NAION entsteht, wenn die Durchblutung des Sehnervs – der Verbindung, die visuelle Informationen vom Auge zum Gehirn leitet – plötzlich nachlässt. Den Nervenfasern fehlt dann Sauerstoff, sodass sie rasch absterben können.

Betroffene wachen meist mit einem schmerzlosen, plötzlich auftretenden Sehverlust auf einem Auge auf. Möglich sind ein dunkler Fleck, verschwommene Bereiche oder ein Schatten in einem Teil des Gesichtsfelds. Oft lässt sich dieser Schaden nicht rückgängig machen.

NAION tritt selten auf: Pro Jahr sind nur wenige Fälle je 100.000 Menschen zu verzeichnen. Gerade deshalb fällt selbst ein geringes Signal bei der Überwachung der Arzneimittelsicherheit auf.

Die Massachusetts-Studie: Bei Semaglutid scheint das Risiko erhöht

Eine der am stärksten diskutierten Untersuchungen stammt vom Massachusetts Eye and Ear Hospital. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler beobachteten zwischen 2017 und 2023 mehr als 16.000 Patientinnen und Patienten mit Diabetes oder Adipositas.

Sie stellten Personen, die Semaglutid einnahmen, Menschen mit anderen Behandlungen gegenüber und erfassten während des Untersuchungszeitraums, wie viele von ihnen NAION entwickelten.

Das Team stellte fest, dass NAION bei Semaglutid-Anwendern häufiger auftrat: Das Risiko war bei Menschen mit Diabetes etwa viermal so hoch und bei Menschen mit Adipositas mehr als siebenmal so hoch.

Damit ist nicht belegt, dass Semaglutid NAION unmittelbar verursacht. Wer Semaglutid erhält, kann sich in vielerlei Hinsicht von anderen Personen unterscheiden – etwa bei der Schwere der Erkrankung oder beim Lebensstil. Dennoch beunruhigten sowohl der Umfang der Studie als auch die Stärke des Signals Fachleute und Aufsichtsbehörden.

Schwedische und australische Daten weisen in dieselbe Richtung

Ein weiteres Forschungsprojekt des Karolinska Institutet in Schweden und der University of Melbourne untersuchte eine grosse Gruppe von Patientinnen und Patienten, die GLP-1-Medikamente einschliesslich Semaglutid verwendeten.

Dabei blieb NAION mit etwa 0.04% der behandelten Personen sehr selten. Im Vergleich mit ähnlichen Menschen, die diese Medikamente nicht einnahmen, schien das Risiko jedoch leicht erhöht zu sein.

Erschwerend kommt hinzu, dass Diabetes selbst das NAION-Risiko erhöht. Eine Meta-Analyse aus dem Jahr 2013 in der Fachzeitschrift PLOS ONE berichtete bei Menschen mit Diabetes über ein um 64% höheres NAION-Risiko – auch ohne Spritzen zur Gewichtsabnahme.

Daher lässt sich nur schwer trennen, welcher Anteil des Risikos von der Erkrankung selbst und welcher, falls überhaupt einer, vom Medikament ausgeht. Rasche Veränderungen des Blutzuckers durch die Therapie könnten bei empfindlichen Personen eine Rolle spielen, doch der Mechanismus ist noch nicht vollständig geklärt.

Aufsichtsbehörden reagieren, während Ärztinnen und Ärzte Nutzen und Risiken abwägen

Europäische Aufsichtsbehörden haben bereits gehandelt. Im Juni 2025 nahm die Europäische Arzneimittel-Agentur NAION in die offizielle Liste der „sehr seltenen“ Nebenwirkungen von Semaglutid auf und riet Patientinnen und Patienten, die Behandlung bei plötzlichen Sehveränderungen unverzüglich zu unterbrechen.

Sicherheitshinweise betonen nun: Jeder abrupt auftretende Sehverlust, auch einseitig und ohne Schmerzen, ist ein Notfall und sollte die Injektionen bis zur ärztlichen Abklärung stoppen.

Für Behandelnde und Betroffene ergibt sich daraus ein klassisches medizinisches Spannungsfeld. Semaglutid kann das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen senken, die Diabeteskontrolle verbessern und eine erhebliche, oft lebensverändernde Gewichtsabnahme ermöglichen. Dem gegenüber steht eine extrem seltene, aber schwerwiegende Gefahr für das Sehvermögen.

Wer könnte besonders gefährdet sein?

Augenfachleute nennen mehrere Faktoren, die die Wahrscheinlichkeit für NAION erhöhen könnten:

  • Obstruktive Schlafapnoe
  • Bluthochdruck
  • Diabetes mit langjährigen Gefässschäden
  • Frühere Sehprobleme oder eine vorausgegangene NAION am anderen Auge
  • Ungünstige Anatomie des Sehnervs, manchmal als „gedrängte“ Sehnervpapille bezeichnet
  • Rauchen und hohe Cholesterinwerte

Bei Menschen mit diesen Merkmalen ist die Mikrozirkulation – das Netzwerk kleinster Blutgefässe, das Nerven und Netzhaut versorgt – bereits beeinträchtigt. Es besteht die Sorge, dass Medikamente, die den Blutfluss, Blutdruck oder Flüssigkeitsverschiebungen verändern, ein anfälliges System aus dem Gleichgewicht bringen könnten.

Worauf Patientinnen und Patienten bei Ozempic und ähnlichen Medikamenten achten sollten

Für die meisten Betroffenen wäre es nicht sinnvoll, eine sehr wirksame Therapie allein wegen einer äusserst seltenen Nebenwirkung abzusetzen. Stattdessen fordern Fachleute eine gezieltere Wachsamkeit.

Ärztinnen und Ärzte raten Menschen unter GLP-1-Medikamenten inzwischen, ihre Augen ähnlich wie ihr Herz zu betrachten: als Organe, die bei grossen Stoffwechselveränderungen überwacht werden sollten.

Zu den praktischen Schritten, die Behandelnde häufig empfehlen, gehören:

  • Vor oder kurz nach Beginn eines GLP-1-Medikaments eine augenärztliche Ausgangsuntersuchung zu vereinbaren, einschliesslich einer Beurteilung des Sehnervs.
  • Der Augenärztin, dem Augenarzt oder der Optometristin beziehungsweise dem Optometristen mitzuteilen, dass Semaglutid oder eine vergleichbare Therapie angewendet wird.
  • Umgehend eine Untersuchung zu veranlassen, wenn beim Aufwachen neue blinde Flecken, plötzliches Verschwommensehen oder ein dunkler Vorhang über einem Teil des Gesichtsfelds auftreten.
  • Blutdruck, Cholesterin und Schlafapnoe weiterhin regelmässig kontrollieren zu lassen.

Parallel dazu laufen Langzeituntersuchungen. Eine noch andauernde Studie mit etwa 1.500 Patientinnen und Patienten über fünf Jahre soll genau erfassen, wie Semaglutid die Struktur von Netzhaut und Sehnerv beeinflusst und ob bestimmte Muster spätere Probleme vorhersagen.

Die Wissenschaft hinter GLP-1-Medikamenten und dem Sehvermögen verstehen

Wie GLP-1-Therapien das Auge beeinflussen könnten

Forschende entwickeln weiterhin mögliche Erklärungen für den Zusammenhang zwischen GLP-1-Agonisten und NAION. Diskutiert werden mehrere Ansätze:

Vorgeschlagener Faktor Mögliche Auswirkung auf das Auge
Rasche Blutzuckerveränderungen Könnten die Durchblutung oder den Druck in den kleinen Gefässen, die den Sehnerv versorgen, vorübergehend stören.
Verschiebungen des Flüssigkeitshaushalts Gewichtsverlust und hormonelle Veränderungen könnten den Druck im und um das Auge verändern.
Bereits bestehende Gefässschäden Diabetesbedingte Schäden kleiner Gefässe könnten die Wirkung zusätzlicher Belastungsfaktoren verstärken.
Individuelle Anatomie Eine von Natur aus gedrängte Sehnervpapille könnte bei Schwellungen weniger Platz bieten und dadurch Nervenfasern in eine kritische Lage bringen.

Keine dieser Theorien ist abschliessend bewiesen. Das Auge reagiert sehr empfindlich auf geringe Veränderungen des Blutkreislaufs, und die Kombination aus Diabetes, Adipositas, Schlafapnoe und wirksamen Stoffwechselmedikamenten ergibt ein komplexes Bild.

Alltagsszenarien: Wann Vorsicht entscheidend wird

Man stelle sich einen Mann mittleren Alters mit Typ-2-Diabetes, Bluthochdruck und lautem Schnarchen vor, das auf eine Schlafapnoe hindeutet. Sein Arzt verschreibt Ozempic; innerhalb einiger Monate verbessern sich Gewicht und Blutzucker. Eines Morgens bemerkt er einen verschwommenen Bereich im linken Auge, verspürt aber keine Schmerzen. Er hält dies für Müdigkeit und wartet ab. Als er schliesslich eine Augenärztin oder einen Augenarzt aufsucht, ist der Schaden dauerhaft und das Sehvermögen nicht wiederherstellbar.

Nun stelle man sich denselben Mann vor, der zuvor über Augenrisiken aufgeklärt wurde. Er lässt eine Ausgangsuntersuchung der Augen durchführen, seine Schlafapnoe wird behandelt, und er weiss, dass jede plötzliche Sehveränderung dringend ist. Beim ersten Schatten im Gesichtsfeld setzt er die Injektionen aus und lässt sich notfallmässig untersuchen. Das Ergebnis kann weiterhin ungewiss sein, doch die Möglichkeit eines früheren Eingreifens ist deutlich grösser.

Nutzen, Risiken und langfristige Strategien abwägen

Für Menschen mit schwerer Adipositas oder schlecht eingestelltem Diabetes können Semaglutid und verwandte GLP-1-Medikamente grundlegend verändern. Eine geringere Belastung von Herz und Blutgefässen kommt meist auch den Augen zugute, da diabetische Augenerkrankungen eng mit der allgemeinen Gefässgesundheit verbunden sind.

Die entscheidende Frage ist nicht nur, ob diese Arzneimittel eingesetzt werden sollen, sondern wie sie umsichtig angewendet werden. Dazu gehört, Personen mit einem anfälligen Sehnerv zu erkennen, das Tempo der Gewichtsabnahme bei Bedarf zu verlangsamen und die Betreuung zwischen Endokrinologinnen und Endokrinologen, Hausärztinnen und Hausärzten sowie Augenfachleuten abzustimmen.

Menschen, die eine GLP-1-Therapie erwägen, könnten ihrer Ärztin oder ihrem Arzt beispielsweise folgende Fragen stellen: „Habe ich bekannte Augenerkrankungen?“, „Sollte ich vor Beginn eine Augenärztin oder einen Augenarzt aufsuchen?“ und „Bei welchen Warnzeichen sollte ich die Injektionen stoppen und Sie anrufen?“. Klare Antworten auf diese praktischen Fragen sind wichtiger als virale Vorher-nachher-Bilder.

Letztlich hat eine schnelle Gewichtsabnahme körperliche Folgen. Manche sind erwünscht, etwa ein niedrigerer Blutdruck. Andere, wie ein geringfügig erhöhtes Risiko eines plötzlichen Sehverlusts, erfordern offene Gespräche, sorgfältige Überwachung und informierte Entscheidungen von Ärztinnen, Ärzten und Patientinnen beziehungsweise Patienten.

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