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Pest-Studie: Warum Wildnis die Artenvielfalt nicht automatisch erhöht

Wissenschaftlerin untersucht Sedimentproben am Seeufer auf Steg mit ländlicher Landschaft im Hintergrund.

Die Vorstellung wirkt zunächst überzeugend: Wenn Menschen verschwinden, sollte sich die Natur doch erholen, Wälder müssten zurückkehren und Tiere sowie Pflanzen mehr Platz finden. Eine umfangreiche Untersuchung zu den Folgen der Pest im 14. Jahrhundert kommt jedoch zu einem deutlich anderen Ergebnis. Wo die Einwohnerzahl einbrach und Äcker unbewirtschaftet blieben, nahm die Artenvielfalt ab. Sie stieg erst wieder, als Menschen zurückkehrten und die Landwirtschaft erneut betrieben wurde.

Wenn die Seuche kommt: Europa im Ausnahmezustand

Von 1347 bis 1353 erlebte Europa vermutlich die tödlichste Pandemie seiner Geschichte. Die später als „Schwarzer Tod“ bezeichnete Pest forderte Schätzungen zufolge das Leben von einem Drittel bis zur Hälfte der Bevölkerung. In einzelnen Städten starben bis zu 80 Prozent der Menschen. Auf dem Land fehlten auf einmal Arbeitskräfte, ganze Dörfer wurden verlassen, während Wirtschafts- und Versorgungssysteme zusammenbrachen.

Mit der Bevölkerung gerieten auch die bewirtschafteten Flächen aus dem Blick. Felder wurden nicht länger bestellt, Höfe aufgegeben und Wege verfielen. Wälder, Gebüsche und Wildtiere breiteten sich auf den zuvor offenen Flächen aus. Aus heutiger Perspektive erscheint dies wie ein gewaltiges, unfreiwilliges „Rewilding-Experiment“: weniger Menschen und mehr Wildnis müssten demnach mehr Leben, Arten und Natur bedeuten. Doch genau diese Entwicklung trat nicht ein.

Neue Analysen zeigen: Dort, wo Menschen und Äcker verschwanden, brach die Pflanzenvielfalt ein – Wildnis ersetzte Vielfalt nicht, sie verdrängte sie.

Was Pollen aus Seen über 2.000 Jahre verraten

Um diesen unerwarteten Verlauf nachzuvollziehen, untersuchten Forschende historische Pollenarchive. Winzige Pollenkörner lagern sich in den Sedimenten von Seen und Mooren ab und können dort über Jahrtausende erhalten bleiben. Sie zeigen, welche Pflanzen in einer bestimmten Region zu welcher Zeit vorkamen.

Für die aktuelle Studie bündelten die Forschenden Angaben aus mehr als 100 solcher Pollenarchive in ganz Europa. Auf dieser Grundlage zeichneten sie die Entwicklung der pflanzlichen Artenvielfalt von der Zeitenwende bis zur frühen Neuzeit nach – also für die Zeit vor, während und nach der Pestwelle des 14. Jahrhunderts.

  • Zeitraum 0–1300: allmählicher Anstieg der Pflanzenvielfalt
  • Hochmittelalter: Höchststand der Biodiversität
  • Ab 1348: starker Einbruch über rund 150 Jahre
  • Erholung: erst mit neuer landwirtschaftlicher Nutzung

Der Verlauf ist eindeutig: Von der Antike bis zum Hochmittelalter nahm die Pflanzenvielfalt spürbar zu. Der Anstieg setzte sich sowohl während der Blütezeit als auch beim Niedergang des Weströmischen Reiches fort und hielt in der Phase mittelalterlicher Landwirtschaft an. Im sogenannten Hochmittelalter erreichte die Biodiversität ihren höchsten Stand.

Mit dem Ausbruch der Pest änderte sich dieses Muster grundlegend. Ab der Mitte des 14. Jahrhunderts ging die Pflanzenvielfalt deutlich zurück und verharrte ungefähr 150 Jahre auf niedrigem Niveau. Erst als die Bevölkerungszahlen wieder stiegen, neue Felder angelegt und Äcker intensiver bewirtschaftet wurden, setzte langsam eine Erholung der Vielfalt ein.

Wo Felder aufgegeben wurden, starb die Vielfalt

Besonders aufschlussreich ist der Vergleich zwischen den Pollendaten und den jeweiligen Formen der Landnutzung. Denn die Entwicklung verlief regional keineswegs einheitlich. Während Ackerflächen mancherorts vollständig aufgegeben wurden, blieb der Ackerbau in anderen Gebieten vergleichsweise stabil oder nahm sogar zu.

Die Auswertung zeigt: Die Pflanzenvielfalt brach besonders stark ein, wo Felder brachlagen und die menschliche Nutzung deutlich nachließ. In Landschaften hingegen, in denen Landwirtschaft erhalten blieb oder ausgeweitet wurde, erhöhte sich die Zahl der Pflanzenarten.

Die größten Verluste an Artenvielfalt traten genau dort auf, wo die menschliche Nutzung stark zurückging und Felder sich in einheitliche Wald- oder Buschflächen verwandelten.

Damit stellt die Studie eine weitverbreitete Annahme infrage: Ein geringerer menschlicher Einfluss führt nicht zwangsläufig zu größerem Artenreichtum. Ausschlaggebend ist vielmehr, auf welche Weise eine Landschaft genutzt wird und wie abwechslungsreich ihre Strukturen sowie Nutzungsformen ausfallen.

Warum traditionelle Landwirtschaft die Biodiversität steigen ließ

Weshalb konnte gerade landwirtschaftliche Nutzung über Jahrhunderte hinweg die Artenvielfalt vergrößern? Entscheidend war die damals übliche Bewirtschaftungsweise. Von der Antike bis weit ins Mittelalter dominierten wenig intensive Mischsysteme.

Anstelle großflächiger Monokulturen prägte eine abwechslungsreiche Mosaiklandschaft weite Teile des Kontinents:

  • Kleine Ackerflächen mit unterschiedlichen Fruchtarten
  • Weiden und Wiesen mit extensiver Beweidung
  • Waldränder, Hecken und Feldgehölze
  • Brachflächen, Wegraine, Feuchtstellen

Diese kleinteilige und gegliederte Landschaft eröffnete zahlreichen Pflanzenarten eigene Lebensräume. Lichtliebende Pflanzen fanden Bedingungen an Wegrändern und auf Äckern vor, schattenverträgliche Arten im Wald; spezialisierte Arten lebten in Feuchtgebieten oder auf nährstoffarmen Weiden. Regelmäßige, aber vergleichsweise schonende Eingriffe wie Beweidung, Mahd und kleinräumig wechselndes Pflügen sorgten zudem dafür, dass konkurrenzschwächere Arten dauerhaft bestehen konnten.

Als die Pest diese Nutzungsformen unterbrach, fiel auch diese kleinteilige Störung weg. Wälder dehnten sich aus, Gebüsche nahmen zu und offene Bereiche gingen verloren. Die Landschaft wurde gleichförmiger. Besonders durchsetzungsfähige Arten dominierten, während empfindlichere Spezialisten verschwanden. Die Vielfalt sank somit, obwohl die Fläche an „wilder“ Natur größer wurde.

Was das für heutige Naturschutzkonzepte bedeutet

Die Ergebnisse widersprechen einem verbreiteten Leitbild der Naturschutzpolitik: dem Ziel, menschlichen Einfluss möglichst weitgehend zurückzudrängen, um Arten zu bewahren. Großflächige Wildnisprojekte gelten in vielen europäischen Regionen seit Jahren als erstrebenswert. Gerade in Gebieten, deren Landschaft seit Jahrhunderten durch traditionelle Landwirtschaft geformt wurde, kann dieser Ansatz jedoch gegenteilige Folgen haben.

Landschaften in Europa sind oft gewachsene Kulturräume – nimmt man die Menschen komplett heraus, verschwinden nicht selten jene Arten, die sich an genau diese Nutzung angepasst haben.

Zu den heutigen Hotspots der Artenvielfalt gehören häufig Regionen mit einer langen Tradition extensiver Bewirtschaftung: Heiden, Streuobstwiesen, Almen und kleinräumige Acker-Wald-Mosaike. Werden solche Kulturlandschaften einfach sich selbst überlassen, wachsen sie zu. Viele licht- und störungsabhängige Arten verlieren dadurch ihren Lebensraum.

Beispiele aus anderen Weltregionen

Der Zusammenhang zwischen menschlicher Nutzung und hoher Biodiversität beschränkt sich nicht auf Europa. Auch in anderen Teilen der Welt haben historische Formen der Bewirtschaftung artenreiche Ökosysteme entstehen lassen:

  • Waldgärten indigener Gemeinschaften an der nordwestlichen Pazifikküste
  • Satoyama-Landschaften in Japan mit Reisterrassen, Wäldern und Bächen im Wechsel
  • Traditionell gegliederte Nutzungsräume in Inselregionen mit abgestuften Höhenlagen

In sämtlichen Fällen schaffen bewusste und häufig kleinräumige Nutzungsformen Lebensräume mit hoher Artenvielfalt, die ohne Menschen in dieser Form nicht vorhanden wären. Zwar zerstört moderne, hochintensive Landwirtschaft diese Vielfalt vielerorts, doch die historische Erfahrung macht deutlich: Menschliche Präsenz kann Natur auch fördern, sofern sie auf die passende Weise erfolgt.

Was wir daraus für die Zukunft lernen können

Die Pest-Studie vermittelt eine unbequeme, zugleich aufschlussreiche Erkenntnis: Mehr Wald und weniger Menschen führen nicht automatisch zu einem ökologischen Happy End. Entscheidend ist die Gliederung der Landschaft. Vielfalt entsteht dort, wo verschiedene Nutzungen, Pflegemaßnahmen und Störungsregime nebeneinander bestehen.

Für die Praxis folgt daraus, dass Naturschutz nicht allein auf vollständigen Nutzungsverzicht setzen sollte. Traditionelle, wenig intensive Formen der Landnutzung sollten stärker einbezogen werden. Dazu zählen beispielsweise:

  • Extensive Weidehaltung mit geringer Besatzdichte
  • Spät gemähte Wiesen mit wechselnden Mahdterminen
  • Erhalt von Hecken, Feldrainen und Kleingewässern
  • Kleinstrukturierte Ackersysteme statt endloser Monokulturen

Solche Maßnahmen steigern die Heterogenität einer Fläche und eröffnen zahlreichen Pflanzenarten Raum. Davon profitieren wiederum Insekten, Vögel und weitere Tiergruppen, die auf diese Pflanzen angewiesen sind.

Begriffe, die in der Debatte häufig missverstanden werden

In der Diskussion werden häufig Schlagworte verwendet, die leicht vermischt werden. „Wildnis“ bezeichnet weitgehend ungenutzte Flächen, auf denen natürliche Prozesse vorherrschen. Mit „Kulturlandschaft“ sind Gebiete gemeint, die Menschen über lange Zeit geformt und genutzt haben. Beide Landschaftstypen können eine hohe Biodiversität besitzen, jedoch aus unterschiedlichen Gründen. Wildnis bewahrt vor allem ursprüngliche und störungsempfindliche Arten. Kulturlandschaften bieten zahlreichen Arten Lebensraum, die an menschliche Nutzung angepasst sind.

Die Pest verdeutlicht, was passiert, wenn eine historisch gewachsene Kulturlandschaft plötzlich ohne Pflege bleibt. Zwar kehrt die Natur zurück, allerdings in einer vereinheitlichten Gestalt. Arten, die auf kleinteilige Nutzung angewiesen waren, verschwinden. Für die moderne Naturschutzpolitik bedeutet das: Ohne Kenntnis der Nutzungsgeschichte eines Gebietes kann sie leicht den falschen Weg einschlagen.

Wer heute über Aufforstung, Flächenstilllegung oder großangelegte Rückzugsräume für die Natur entscheidet, sollte diese historische Perspektive einbeziehen. Mitunter bewahrt nicht der Rückzug des Menschen die Artenvielfalt, sondern seine bewusste und maßvolle Anwesenheit – im richtigen Umfang und mit den geeigneten Methoden.

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