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Antibiotika verändern das Mikrobiom bis zu acht Jahre lang

Frau sitzt am Tisch mit Medikamenten, Wasser, Obst und digitaler Darstellung des Verdauungstrakts auf dem T-Shirt.

Viele Menschen nehmen Antibiotika und gehen davon aus, dass die Angelegenheit nach wenigen Tagen erledigt ist. Danach schenken sie dem Thema oft keine weitere Beachtung. Eine groß angelegte Studie zeigt jedoch: Mit der letzten Tablette ist die Wirkung auf die Bakteriengemeinschaft im Darm nicht zwingend beendet. Bei bestimmten Wirkstoffen lassen sich Veränderungen des Mikrobioms noch acht Jahre später nachweisen.

Erkenntnisse der schwedischen Studie zum Mikrobiom

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Universitäten Uppsala und Lund untersuchten nahezu 15.000 Erwachsene in Schweden. Dafür kombinierten sie zwei besondere Datenquellen: ein landesweites Register sämtlicher verordneter Medikamente und Stuhlproben, die mithilfe moderner Genanalysen untersucht wurden.

Dadurch konnten sie für jede teilnehmende Person nachvollziehen, welche Antibiotika in den vergangenen acht Jahren verschrieben worden waren und wie sich die Darmbakterien aktuell zusammensetzten. Insgesamt erfasste das Team rund 1.340 Bakterienarten; ein gesunder erwachsener Mensch beherbergt im Durchschnitt etwa 350 unterschiedliche Spezies im Darm.

Der Kernbefund: Einzelne Antibiotika können die Artenvielfalt im Darm deutlich ausdünnen – und dieser Verlust bleibt selbst nach acht Jahren oft unvollständig ausgeglichen.

Verglichen wurden Personen ohne Antibiotikaeinnahme im betrachteten Zeitraum mit Menschen, die entsprechende Medikamente zu verschiedenen Zeitpunkten erhalten hatten: im vergangenen Jahr, vor ein bis vier Jahren oder vor vier bis acht Jahren. Weitere Medikamente, bekannte Erkrankungen und der Lebensstil wurden bei der statistischen Auswertung als mögliche Einflussfaktoren berücksichtigt.

Drei Wirkstoffgruppen mit besonders deutlichen Folgen

Von den elf untersuchten Antibiotikagruppen fielen drei besonders stark auf: Clindamycin, Fluorchinolone und Flucloxacillin.

  • Clindamycin (oft eingesetzt bei Haut-, Zahn- und Lungeninfektionen): Eine einzelne Behandlung innerhalb der zwölf Monate vor der Stuhlprobe war durchschnittlich mit 47 weniger Bakterienarten verbunden. Bei fast einem Viertel sämtlicher erfasster Arten hatte sich zudem die Häufigkeit verändert.
  • Fluorchinolone (etwa bei Harnwegs- und Atemwegsinfektionen): Hier wurden rund 20 Arten weniger festgestellt; 172 Spezies wiesen eine veränderte Häufigkeit auf.
  • Flucloxacillin (eine vergleichsweise schmal wirksame Penicillin-Variante, vor allem gegen Hautinfektionen): Die Vielfalt sank um etwa 21 Arten weniger, während 203 Bakterienarten messbar beeinflusst waren.

Unerwartet war für das Forschungsteam vor allem der starke und anhaltende Einfluss von Flucloxacillin. Dass ein relativ eng wirksames Penicillin das Mikrobiom so deutlich verändert, widerspricht der verbreiteten Annahme, nach der hauptsächlich Breitbandantibiotika die Darmflora erheblich beeinträchtigen.

Andere Wirkstoffe zeigten wesentlich geringere Auswirkungen. Bei Penicillin V beispielsweise waren die Veränderungen der Darmbakterienzusammensetzung nur schwach ausgeprägt und eher vorübergehend.

Weshalb eine hohe Vielfalt im Darm entscheidend ist

Die Gemeinschaft der Darmbakterien übernimmt wichtige Funktionen:

  • Sie unterstützt die Verdauung und die Aufnahme von Nährstoffen.
  • Sie schult und beeinflusst das Immunsystem.
  • Sie bildet Botenstoffe, die mit dem Stoffwechsel und dem Gehirn zusammenhängen.
  • Sie wirkt als Schutzbarriere gegen Krankheitserreger.

Je artenreicher die Bakterienlandschaft ist, desto stabiler arbeitet dieses Ökosystem. Verschwinden einzelne Arten, können freie Nischen entstehen, die von anderen – häufig weniger hilfreichen oder sogar schädlichen – Keimen besetzt werden.

Wie sich das Mikrobiom nach Antibiotika erholt

Unmittelbar nach einer Antibiotikabehandlung beginnt der Darm bis zu einem gewissen Grad, sich zu regenerieren. Während der ersten zwei Jahre steigt die bakterielle Vielfalt wieder an; zahlreiche Arten kehren zurück oder werden durch ähnliche Spezies ersetzt.

Genau diese Entwicklung untersucht die neue Studie genauer. Ihren Ergebnissen zufolge kann die Erholung nach einer gewissen Zeit zum Stillstand kommen.

Vier bis acht Jahre nach der Einnahme bestimmter Antibiotika war bei 10 bis 15 Prozent der untersuchten Arten die Häufigkeit immer noch deutlich verschoben.

Bei Clindamycin waren vier bis acht Jahre nach der Einnahme weiterhin 196 Bakterienarten in ihrer Häufigkeit verändert. Für Flucloxacillin traf dies auf 148 Arten zu, für Fluorchinolone auf 80. Die Darmflora unterscheidet sich demnach dauerhaft von jener bei Menschen, die keines dieser Medikamente eingenommen hatten.

Besonders bedeutsam ist: Schon eine einzige Behandlung kann offenbar für diesen langfristigen Effekt genügen. In einer Teilanalyse berücksichtigten die Forschenden ausschließlich Personen, die innerhalb von acht Jahren genau einmal ein bestimmtes Antibiotikum erhalten hatten. Bei sieben von elf Wirkstoffen war die Vielfalt des Mikrobioms vier bis acht Jahre später weiterhin messbar reduziert.

Mögliche Auswirkungen auf Gewicht, Stoffwechsel und Krankheitsrisiken

Welche Bedeutung hat das für die Gesundheit? Direkte Ursache-Wirkungs-Beziehungen kann die Studie nicht belegen, sie liefert aber deutliche Hinweise. Bereits seit längerer Zeit gibt es Beobachtungen, wonach wiederholte Antibiotikabehandlungen mit einem höheren Risiko für Adipositas, Typ-2-Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und bestimmte Krebsarten verbunden sind.

Die schwedische Analyse verknüpft diese Hinweise nun mit konkreten Bakterienarten. Nach Clindamycin, Fluorchinolonen und Flucloxacillin nahmen bestimmte Spezies zu, die in anderen Studien bereits mit einem höheren Body-Mass-Index, erhöhten Triglyzeridwerten und einem gesteigerten Risiko für Typ-2-Diabetes in Zusammenhang gebracht wurden.

Die Langzeitverschiebung im Mikrobiom könnte ein fehlender Baustein sein, um die Verbindung zwischen Antibiotikagebrauch und Stoffwechselerkrankungen zu erklären.

Ob es sich dabei um ursächliche Zusammenhänge handelt, müssen weitere Studien untersuchen. Als nächsten Schritt wollen die Forschenden klären, ob Antibiotika im Darm auch die Zahl von Resistenzgenen erhöhen. Diese Gene machen Bakterien unempfindlich gegenüber Wirkstoffen.

Konsequenzen für die ärztliche Praxis

Fest steht: Niemand verlangt, lebensbedrohliche Infektionen unbehandelt zu lassen. Antibiotika retten täglich Leben und sind unverzichtbar. Die Studie spricht jedoch dafür, die Auswahl des jeweiligen Präparats bewusster zu treffen.

Wenn bei einer Infektion zwei Medikamente medizinisch gleichermaßen geeignet sind, könnte künftig stärker berücksichtigt werden, welches den Darm weniger dauerhaft beeinträchtigt. Penicillin V kann gegen bestimmte Erreger ausreichend wirken und greift vergleichsweise wenig in das Mikrobiom ein. Bei leichteren Infektionen sollten Clindamycin oder Fluorchinolone eher die Ausnahme darstellen.

  • Präzise Diagnose, um tatsächlich eine bakterielle Infektion zu erkennen
  • Gezielte Wahl eines möglichst schmal wirksamen Antibiotikums
  • Möglichst kurze Behandlungsdauer bei konsequenter Einnahme nach Verordnung
  • Keine „Vorrats-Tabletten“ oder Selbstmedikation mit alten Beständen

Gerade in Hausarztpraxen spielen solche Abwägungen eine wichtige Rolle. Dort werden viele alltägliche Infektionen behandelt, bei denen auch auf Antibiotika verzichtet werden kann – beispielsweise bei den meisten Virusinfekten der oberen Atemwege.

Was Patientinnen und Patienten unterstützen können

Wer Antibiotika einnehmen muss, sollte den Darm anschließend nicht völlig sich selbst überlassen. Die gemessenen Langzeitfolgen lassen sich zwar nicht einfach mit einigen Bechern Joghurt „wegessen“, doch es gibt Möglichkeiten, die Regeneration zu fördern:

  • Ballaststoffreiche Ernährung: Gemüse, Hülsenfrüchte und Vollkornprodukte liefern nützlichen Darmbakterien Nahrung.
  • Fermentierte Lebensmittel: Sauerkraut, Kimchi, Naturjoghurt oder Kefir enthalten lebende Mikroorganismen, die Lücken im Mikrobiom zeitweise auffüllen können.
  • Weniger dauerndes Snacken und Zucker: Stark verarbeitete Produkte begünstigen eher Bakterien, die mit ungünstigen Stoffwechselprofilen verbunden sind.
  • Vorsicht bei weiteren Medikamenten: Auch Säureblocker oder bestimmte Schmerzmittel stehen im Verdacht, das Darmmilieu zu verändern.

Ob Probiotika als Kapseln oder Pulver langfristig wirksam helfen, ist wissenschaftlich noch nicht eindeutig geklärt. Einige Präparate können nachweislich Durchfall während und nach einer Antibiotikakur vermindern. Die grundlegende Struktur des Mikrobioms verändert sich dadurch jedoch nicht automatisch über Jahre.

Warum Antibiotika und das Mikrobiom alle betreffen

Die Untersuchung betrifft nicht allein individuelle Gesundheitsfragen, sondern auch ein gesellschaftliches Problem. Mehrere der besonders „mikrobiom-kritischen“ Medikamente gehören zu Wirkstoffgruppen, bei denen Resistenzen weltweit zunehmen. Jeder Einsatz kann somit mögliche Langzeitfolgen im Darm fördern und womöglich zugleich Bakterien stärken, gegen die irgendwann kaum noch Medikamente wirksam sind.

Wer bei der nächsten Erkältung um ein Rezept bittet, sollte deshalb überlegen: Liegt tatsächlich eine bakterielle Infektion vor, oder reichen Geduld, Tee, Nasenspray und Schmerzmittel? Ärztinnen und Ärzte stehen wiederum vor der Aufgabe, diese Fragen verständlich und klar zu besprechen, anstatt jede Unsicherheit vorsorglich mit einem Rezept zu beantworten.

Die Daten aus Schweden zeigen: Eine Antibiotikakur endet nicht unbedingt mit der letzten Tablette. Sie kann im eigenen Mikrobiom Spuren hinterlassen, die noch Jahre später leise, unsichtbar, aber messbar fortwirken. Wer das berücksichtigt, wird mit diesen starken Medikamenten anders umgehen.

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