Kinderärztinnen und Kinderärzte weisen Eltern seit Langem darauf hin, dass die ersten Lebensjahre für die Entwicklung eines Kindes besonders entscheidend sind.
Dieser Rat wird so häufig wiederholt, dass ihn die meisten Menschen als selbstverständlich hinnehmen und sich anschliessend mit Schlafplänen für Kleinkinder oder der Vorbereitung auf den Kindergarten beschäftigen.
Eine grosse neue Übersichtsarbeit ergänzt nun einen Aspekt, den viele Eltern vermutlich nicht erwartet hätten: Was auf dem Tablett des Hochstuhls landet, kann die Funktionsweise des Gehirns zehn Jahre später – im Alter von 15 oder 16 Jahren – weiterhin beeinflussen.
Kinder über lange Zeit beobachten
Hayley Young, Psychologieprofessorin an der Swansea University in Wales, leitete ein Team, das 73 einzelne Studien zusammenführte.
Damit sollte eine grundlegende Frage beantwortet werden: Kann die Ernährung die Entwicklung des Gehirns beeinflussen, während Kinder heranwachsen?
Dafür werteten die Forschenden 48 kontrollierte Studien sowie 25 Langzeitstudien aus, in denen dieselben Kinder über viele Jahre begleitet wurden.
Gerade diese Langzeitstudien waren besonders wertvoll, weil sie untersuchen liessen, wie frühe Ernährungsgewohnheiten mit kognitiven Ergebnissen im späteren Leben zusammenhängen.
Wenn dieselbe Person über einen längeren Zeitraum verfolgt wird, können Forschende beobachten, wie sich frühe Gewohnheiten auf spätere Fähigkeiten auswirken, statt lediglich Gruppen zu einem einzigen Zeitpunkt zu vergleichen.
Die meisten dieser langfristig angelegten Untersuchungen begannen bereits im Säuglingsalter. Die qualitativ besseren Studien deuteten wiederholt auf ein Zeitfenster hin, das sich früher schliesst, als vielen Familien bewusst ist.
Die ersten drei Lebensjahre
Kinder, die in etwa den ersten drei Lebensjahren eine ungünstige Ernährung hatten, erzielten als Jugendliche tendenziell niedrigere Werte in Intelligenztests.
Dieser Zusammenhang blieb bestehen, selbst nachdem die Forschenden Einflüsse wie Familieneinkommen, Bildungsniveau der Eltern und weitere Hintergrundfaktoren herausgerechnet hatten, welche solche Befunde üblicherweise verzerren können.
„Am deutlichsten zeigt sich, dass die Grundlagen der kognitiven Gesundheit offenbar sehr früh gelegt werden“, sagte Young.
„Eine schlechtere Ernährung in den ersten Lebensjahren stand mit einer niedrigeren Intelligenz viele Jahre später, in der Jugend, in Verbindung – selbst nach Berücksichtigung zahlreicher anderer Einflüsse.“
Das Muster zeigte sich in mehreren voneinander unabhängigen prospektiven Studien und stützte sich nicht nur auf einen einzelnen auffälligen Datensatz; genau das verleiht dem Ergebnis Gewicht.
Ein Zusammenhang in einer einzelnen Studie ist interessant. Wenn mehrere unabhängige Untersuchungen zum gleichen Ergebnis kommen, lässt sich dies deutlich schwerer beiseiteschieben.
Weshalb frühe Jahre für die Gehirnentwicklung zählen
In den Jahren vor dem Kindergarten baut sich das Gehirn besonders schnell auf.
Verbindungen zwischen Nervenzellen entstehen mit hoher Geschwindigkeit, während sich zugleich eine isolierende Schicht um sie bildet, damit Signale effizienter weitergeleitet werden. Für beide Prozesse werden in hohem Mass Nährstoffe aus der Nahrung benötigt.
Bestimmte Nährstoffe erfüllen in dieser Phase spezielle Aufgaben. Eisen etwa spielt dabei nachweislich seit Langem eine wichtige Rolle.
Eine separate Studie ergab, dass Eisenmangel bei kleinen Kindern mit anhaltenden Auswirkungen auf Denken und Verhalten verbunden war – teils noch Jahre nachdem sich ihre Eisenwerte wieder normalisiert hatten.
Das Team aus Swansea betrachtete eine breite Palette an Nährstoffen: Eisen und Jod, Vitamin D, Cholin, gesunde Fette, Vollkornprodukte und weitere.
Keiner davon wirkt allein wie ein Wundermittel. Das Gehirn benötigt die gesamte Versorgung gleichzeitig, und zwar genau in dem Moment, in dem es sich aktiv aufbaut.
Die Bedeutung der Ernährung
Die Übersichtsarbeit unterstreicht, dass Ernährung nicht nur dazu dient, ein Kind satt zu machen oder es kurzfristig gesund zu halten.
Während der Aufbauphase des Gehirns wird Nahrung zum Baumaterial.
Ein Mangel an wichtigen Nährstoffen in diesem Zeitfenster muss nicht unmittelbar auffällige Symptome verursachen – doch die Lücken können sich Jahre später in kognitiven Tests bemerkbar machen.
Die Autorinnen und Autoren achteten darauf, die Aussagekraft der Belege nicht zu überziehen. Sie erkannten den Zusammenhang zwischen früher Ernährung und späterer Intelligenz an, wiesen jedoch darauf hin, dass weniger sicher ist, über welche Mechanismen Ernährung diesen Unterschied hervorruft.
Möglicherweise nutzt das Gehirn Nährstoffe in verschiedenen Altersphasen unterschiedlich, weshalb der Zeitpunkt ebenso wichtig sein kann wie die Menge.
Das Rätsel der Jugendzeit
Mit der Jugend beginnt eine zweite Phase rascher Veränderungen im Gehirn. Die Pubertät löst hormonelle Schübe aus, die eine Neuorganisation der Verschaltung anstossen: Nicht genutzte Verbindungen werden abgebaut, während die isolierende Schicht anderer Bahnen dicker wird.
Einige Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bezeichnen diese Jahre als mögliches zweites Zeitfenster für Chancen.
Wenn das Gehirn aktiv umgebaut wird, liegt der Gedanke nahe, dass die richtige Ernährung es zu einem besseren Ergebnis führen könnte.
Studien, in denen die Ernährung von Jugendlichen verändert und anschliessend Denken oder Schulnoten gemessen wurden, lieferten jedoch uneinheitliche Ergebnisse. Einige zeigten vielversprechende Effekte, andere kaum welche.
Bislang belegt nichts in der Fachliteratur, dass eine bessere Ernährung bei Jugendlichen ihre geistigen Fähigkeiten zuverlässig verbessert.
Warum die Studienlage widersprüchlich ist
Uneinheitliche Ergebnisse lassen sich leicht als Hinweis missverstehen, dass Ernährung in den Jugendjahren keine Rolle mehr spielt. Dieser Deutung widersprechen die Autorinnen und Autoren ausdrücklich.
Die Widersprüche entstehen ihrer Ansicht nach durch die Gestaltung der Studien und nicht dadurch, dass Ernährung nebensächlich wäre.
Ein möglicher Grund ist der Zeitpunkt. Ein Nährstoff, der in einem unpassenden Entwicklungsstadium gegeben wird, zeigt womöglich keinen messbaren Effekt, während derselbe Nährstoff zur richtigen Zeit viel bewirken könnte.
Das Alter der untersuchten Gruppe, die Dauer der Studie und die jeweils gemessene geistige Fähigkeit lenken die Ergebnisse ebenfalls in unterschiedliche Richtungen.
Bevor diese Übersichtsarbeit die einzelnen Erkenntnisse zusammenführte, hatte niemand so klar dargelegt, weshalb sich die Befunde bei Jugendlichen fortwährend widersprechen – und wie eine bessere Studie aussehen müsste, um die Frage zu klären.
Bessere Studien entwickeln
Um dieses Problem zu lösen, schlug das Team sieben Grundsätze für künftige Forschung vor. Menschen sollten über ihr gesamtes Leben begleitet werden, statt nur Momentaufnahmen zu erfassen.
Untersucht werden sollten vollständige Ernährungsweisen statt einzelner isolierter Nährstoffe. Zudem sollten die Pubertät und die Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen berücksichtigt werden, deren hormonelle Zeitverläufe stark voneinander abweichen.
Ausserdem empfehlen sie verlässliche Messgrössen für den Nährstoffstatus, einheitliche kognitive Tests sowie die Berücksichtigung der sozialen und wirtschaftlichen Lebensumstände von Kindern.
Die Übersichtsarbeit liefert kein abschliessendes Urteil, sondern einen Fahrplan für die zukünftige Forschung. Diese Unterscheidung hat erhebliches Gewicht.
Was Familien daraus mitnehmen können
Vor dieser Übersichtsarbeit wurde der langfristige Wert früher Ernährung zwar vermutet, doch die Hinweise waren auf Dutzende voneinander getrennte Facharbeiten verteilt.
Durch ihre Zusammenführung trat ein Befund klar hervor: Eine schlechte Ernährung in den ersten drei Lebensjahren geht mit einer niedrigeren Intelligenz im Jugendalter einher, und dieser Zusammenhang hält den üblichen statistischen Belastungsprüfungen stand.
Offen bleibt, ob das Gehirn im Jugendalter durch Ernährung tatsächlich eine zweite Chance erhält.
Für diese Frage gibt es nun einen klaren Weg für weitere Forschung, statt lediglich einer Ansammlung widersprüchlicher Antworten.
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