Viele Menschen greifen aus gesundheitlichen Gründen zu Tee und Kräuteraufgüssen – ein renommierter Ernährungsmediziner erläutert jetzt, bei welchen Varianten sich das Gegenteil einstellen kann.
Im Supermarktregal wirken sie unbedenklich: farbenfrohe Schachteln, schlanke Verpackungen und Aussagen über besseren Schlaf, einen flacheren Bauch oder weniger Wassereinlagerungen. Deshalb entscheiden sich insbesondere gesundheitsbewusste Menschen und Abnehmwillige häufig für Spezialtees sowie sogenannte Wellness-Infusionen. Der französische Ernährungsarzt Jean-Michel Cohen hat mehrere dieser Erzeugnisse geprüft – sein Urteil fällt klar kritisch aus.
Warum viele „Wundertees“ ihre Versprechen nicht erfüllen
Tee und Kräuteraufgüsse sind aus gutem Grund beliebte Heißgetränke-Alternativen zu Kaffee. Ob grüner Tee, schwarzer Tee oder Früchtetee: Das Angebot ist umfangreich. Gleichzeitig wächst der Markt für Produkte, die gezielt mit Aussagen wie „Entwässerung“, „Schlank im Schlaf“ oder „Fettverbrennung“ beworben werden.
An diesem Punkt setzt Cohens Kritik an. Nicht Tee als Grundprodukt steht für ihn im Fokus, sondern die Zusammensetzung zahlreicher industriell hergestellter Produkte. Hinter attraktiven Bezeichnungen und ansprechenden Verpackungen verbergen sich seiner Einschätzung nach oft:
- Blattbruch und Teestaub statt ganzer Teeblätter
- intensiv zugesetzte Aromen, häufig künstlich oder naturidentisch
- Zucker oder süßende Zusätze
- Werbeaussagen, die stark überzogen sind
Wer glaubt, mit einer aromatisierten Tasse Tee eine Art Wundermittel zu trinken, landet schnell bei einem aromatisierten Zuckergetränk im Beutel.
Nach seiner Auffassung lassen sich die gesundheitlichen Vorzüge von Tee nur ausschöpfen, wenn die Blätter hochwertig sind und die Zutatenliste kurz sowie verständlich bleibt.
Ganze Blätter statt Pulver und Staub
Ein wesentlicher Aspekt ist die Beschaffenheit der Teeblätter. Fachleute weisen darauf hin, dass besonders aromatische und wertvolle Blätter klein sind und dicht an der Pflanzenknospe wachsen. Idealerweise werden sie möglichst unzerkleinert verarbeitet.
Bei vielen preiswerten Teebeuteln landet nach Angaben Cohens hingegen überwiegend das in der Verarbeitung verbleibende Material: Blattbruch und feine Partikel. Dieser sogenannte Blattbruch und Teestaub setzt deutlich weniger natürliche Aromen frei. Damit der Aufguss dennoch kräftig riecht und schmeckt, ergänzen Hersteller Aromen.
Dadurch entsteht ein widersprüchlicher Eindruck: Die Tasse duftet intensiv nach Beeren, Minze oder Keksen, obwohl vergleichsweise wenig tatsächlicher Pflanzenrohstoff im Wasser enthalten ist.
In manchen Produkten stecken mehr zugefügte Aromen als real greifbare Pflanzenbestandteile, die den Tee überhaupt ausmachen.
Cohen empfiehlt daher Tees, deren Pflanzenteile sichtbar und eindeutig erkennbar sind – beispielsweise lose Tees oder Beutel mit grob geschnittenen Blättern und Kräutern.
Vier Tee- und Infusionssorten, vor denen der Ernährungsmediziner warnt
Für seine Analyse nahm der Arzt mehrere bekannte Produkte unter die Lupe und beanstandete vier davon besonders deutlich. Aus seiner Sicht sind vor allem drei Kriterien ausschlaggebend: die Aromamenge, der Zuckergehalt und irreführende Werbeaussagen.
1. Beerenaroma statt Beeren: der Früchtetee mit blauem und rotem Obst
Als Beispiel nennt er einen aromatisierten Tee einer bekannten Marke, der mit Heidelbeere und Himbeere beworben wird. Die Verpackungsbilder vermitteln den Eindruck einer natürlichen, fruchtigen Mischung. Cohen kritisiert jedoch, dass das Getränk vor allem aus Aromen bestehe. Seiner Ansicht nach sind echte Fruchtbestandteile nur unzureichend vertreten.
Hinzu kommt ein weiterer Aspekt: Das Produkt enthält Süßholz, also Lakritz. Dieser Bestandteil kann den Blutdruck steigern und ist daher insbesondere bei regelmäßigem Verzehr für Menschen mit Bluthochdruck problematisch.
- Intensiver Einsatz von Aromen
- Kaum tatsächliche Fruchtanteile
- Süßholz – ungünstig bei Hypertonie
2. Tee wie Dessert: der Schoko-Haselnuss-Latte im Beutel
Kritik übt Cohen auch an einem Teegetränk derselben Marke, das an Schokolade, Nüsse und Gewürztee erinnert und mit einem cremigen Latte-Effekt vermarktet wird. Es soll den Eindruck eines gemütlichen winterlichen Wohlfühlgetränks vermitteln, dabei aber angeblich „nur Tee“ sein.
Der Ernährungsmediziner betrachtet es eher als Dessert im Becher denn als klassisches Heißgetränk. Solche Produkte enthalten oft:
- Aromen für Schokolade, Nüsse und Gewürze
- Zusätze für eine cremige Konsistenz
- teilweise Zucker oder Süßungsmittel
Wer solche Latte-Varianten regelmäßig trinkt, nimmt möglicherweise zusätzliche Energie auf, ohne sie als „richtige“ Süßigkeit einzuordnen. Gerade bei Menschen mit dem Ziel abzunehmen kann diese versteckte Kalorienquelle den Erfolg verlangsamen.
3. Kapsel-Tee mit Zuckerschub: der „orientalische“ Minztee
Auch gegenüber einem Kapsel-Tee einer großen Kaffee-Kapsel-Marke, der nordafrikanischen Minztee nachahmen soll, findet der Arzt deutliche Worte. Besonders kritisch sieht er die Zutatenliste, denn Zucker wird dort an erster Stelle aufgeführt.
Wer eine Tasse zubereitet, trinkt nach seiner Rechnung ungefähr das Äquivalent eines Stücks Würfelzucker – und das bei einem Getränk, das eigentlich als „leichte“ Alternative zu Limonaden gilt.
Wer davon tagsüber mehrere Tassen konsumiert, sammelt rasch eine relevante zusätzliche Zuckermenge an. Für Menschen mit Diabetes, Insulinresistenz oder einem erhöhten Risiko für Stoffwechselerkrankungen ist das besonders nachteilig.
4. „Fettverbrenner“-Infusion mit versteckter Teeinmenge
Als vierte kritisch bewertete Variante nennt Cohen eine Kräutermischung eines Bio-Herstellers, die ausdrücklich mit einem „Fettverbrennungs“-Effekt wirbt. Seiner Einschätzung nach ist diese Botschaft überzogen, denn es handelt sich nicht um ein Wundermittel zur Gewichtsabnahme.
Zudem enthält das Produkt Teein, also Koffein aus Teeblättern. Bei einer „Infusion“ rechnen viele Kundinnen und Kunden mit einem vollständig koffeinfreien Kräuteraufguss. Möglicherweise trinken sie die Mischung abends, um ihren Stoffwechsel „anzuregen“, und wundern sich später über Unruhe oder Probleme beim Einschlafen.
Für den Ernährungsmediziner steht fest: Wer Gewichtsverlust verspricht und gleichzeitig Koffein in einer vermeintlich „harmlosen“ Kräutermischung verbirgt, vermittelt ein irreführendes Bild.
Woran Verbraucher einen guten Tee erkennen
Grundsätzlich rät Cohen zu Produkten mit einer kurzen und transparenten Zutatenliste. Je weniger Angaben diese enthält, desto einfacher lässt sich nachvollziehen, was tatsächlich in der Tasse landet. Ideal sind für ihn Tees, bei denen die Inhaltsstoffe erkennbar bleiben: etwa Minzblätter, getrocknete Zitronenschalen, Kamillenblüten, Hibiskus oder Hagebutte.
| Kriterium | Besser meiden | Besser wählen |
|---|---|---|
| Aromen | „natürliche Aromen“, „Aromen“, lange Aromalisten | echte Pflanzenteile, nur leicht aromatisiert oder ganz ohne |
| Blattqualität | feines Pulver, kaum erkennbare Bestandteile | gröbere Blätter, Blüten, Stücke sichtbar |
| Süßungsmittel | Zucker, Glukosesirup, intensive Süßstoffe | ungesüßt, bei Bedarf separat mit wenig Honig oder Zucker süßen |
| Werbeversprechen | „Fettkiller“, „Entgiftung“, „Entschlackung“ | klare Beschreibung wie „Kräutertee mit Minze und Fenchel“ |
Wie Tee und Kräuteraufgüsse tatsächlich beim Abnehmen helfen können
Tee sorgt nicht allein dafür, dass Fett verschwindet. Im Rahmen einer Ernährungsumstellung kann er dennoch sinnvoll sein. Wer ungesüßten Tee trinkt, spart gegenüber Limonaden, Fruchtsäften oder Kakao viele Kalorien.
Viele Menschen trinken vor dem Essen ein Glas Wasser oder Tee und verspüren anschließend weniger Hunger. Das Sättigungsgefühl kann früher eintreten, was das Kaloriensparen unterstützen kann. Kräuter wie Pfefferminze, Fenchel, Anis oder Kümmel können außerdem die Verdauung wohltuend begleiten und Blähungen lindern.
Entscheidend für das Gewicht bleiben jedoch die gesamte Ernährung, Bewegung und der Lebensstil. Ein „Fettverbrennungs-Tee“ ist weder Ersatz für ausgewogene Mahlzeiten noch für regelmäßige körperliche Aktivität.
Risiken: Wenn Tee nicht mehr harmlos ist
Tee gilt vielen grundsätzlich als risikofrei. Bestimmte Personengruppen sollten dennoch genauer hinschauen:
- Menschen mit Bluthochdruck: Sie sollten Lakritzprodukte und Süßholz in Teemischungen nur in geringen Mengen verzehren.
- Schwangere: Bei Kräutermischungen ist Vorsicht geboten, weil einige Pflanzen in größeren Mengen nicht empfohlen werden.
- Personen mit Schlafproblemen: Koffeinhaltige Tees wie grüner Tee, schwarzer Tee oder Mate sollten abends gemieden und durch echte Kräuteraufgüsse ersetzt werden.
- Diabetikerinnen und Diabetiker: Gesüßte Instant- und Kapselgetränke sollten kritisch geprüft werden, da sie versteckten Zucker enthalten können.
Praktische Tipps für den Einkauf und den Alltag
Wer sich absichern möchte, kann einige einfache Grundregeln beachten:
- Beim Einkauf die Zutatenliste lesen und nicht nur die Vorderseite der Packung beachten.
- Möglichst losen Tee wählen oder Beutel kaufen, deren Bestandteile deutlich zu erkennen sind.
- Den eigenen Geschmack ausprobieren: Viele empfinden starke Aromamischungen nach kurzer Zeit als künstlich.
- Falls gesüßt wird, dies besser selbst und sehr sparsam tun.
- Bei „Detox“, „Schlank“ oder „Fettverbrennung“ gedanklich automatisch ein Fragezeichen setzen.
Ein Blick auf traditionelle Teekulturen kann ebenfalls aufschlussreich sein: Ob grüner Tee in Ostasien oder Minztee in Nordafrika – klassische Zubereitungen kommen mit wenigen, klaren Zutaten aus. Sie beruhen auf hochwertigen Blättern, frischen Kräutern sowie etwas Zucker oder Honig, der meist bewusst dosiert wird.
Im Alltag reicht es häufig aus, zwei oder drei Lieblingssorten zu finden, die gut verträglich sind und ohne übertriebene Versprechen auskommen. Ein einfacher Kräuteraufguss am Abend oder eine Tasse ungesüßter grüner Tee am Nachmittag kann das Wohlbefinden stärker fördern als jede auffällige „Wundertee“-Mischung aus dem Supermarkt.
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