Eine Krankheit, die man vor allem mit Seeleuten vergangener Jahrhunderte verbindet, taucht in Industrieländern erneut auf. Ein aktueller, drastischer Fall aus Australien zeigt dies: Bei einem Mann mittleren Alters wurde Skorbut diagnostiziert.
Der Mann begab sich wegen eines schmerzhaften Hautausschlags an den Beinen ins Krankenhaus. Begleitet wurde dieser von Blutergüssen und Schwellungen. Das Team des Sir Charles Gairdner Hospital schloss Infektionen sowie entzündliche, immunologische und hämatologische Erkrankungen aus.
Erst einige Tage nach seiner Aufnahme fanden der Arzt Andrew Dermawan und seine Kolleginnen und Kollegen durch ausführlichere Nachfragen heraus, dass finanzielle Probleme die Ernährung des Patienten beeinträchtigten.
Skorbut durch Vitamin-C-Mangel
Skorbut entsteht durch einen Mangel an Vitamin C. Fehlt dieser lebenswichtige Nährstoff in ausreichender Menge, heilen Wunden nicht mehr richtig. Zudem beginnen Kapillaren und Zahnfleisch zu bluten, was zu einem Verlust zirkulierender Blutzellen führt.
Bei dem 50-Jährigen zeigten sich bereits frühe Mangelerscheinungen: Seine Zahl weisser Blutkörperchen war niedrig, und obwohl keine aktuelle Harnwegsinfektion vorlag, befand sich Blut in seinem Urin.
Solche körperlichen Veränderungen können Gewichtsverlust, geschwollene Gelenke, körperliche Schwäche und Depressionen verursachen. Langfristig besteht zudem das Risiko tödlicher Blutungen.
Bereits nach etwa vier Wochen mit weniger als 10 mg Vitamin C pro Tag können Symptome von Skorbut auftreten. Die Behandlung ist glücklicherweise unkompliziert: Kurz nachdem der Patient täglich 1000 mg Vitamin C zusammen mit weiteren verordneten Nahrungsergänzungsmitteln eingenommen hatte, erholte er sich rasch.
Die Blutuntersuchung des Mannes zeigte niedrige Werte mehrerer Vitamine und überhaupt kein nachweisbares Vitamin C. Nach einer bariatrischen Operation hatte er ausserdem die ihm verschriebenen Ergänzungsmittel abgesetzt, weil er sie sich nicht leisten konnte.
„Unser Patient hatte mehrere Risikofaktoren, nämlich ungünstige Ernährungsgewohnheiten, Adipositas, eine frühere bariatrische Operation, die Einnahme von Protonenpumpenhemmern und ein geringes Einkommen. Auch seine Vorgeschichte mit Eisen-, Vitamin-D- und Folatmangel lieferte Hinweise auf seinen zugrunde liegenden Nährstoffmangel“, erklären Dermawan und sein Team.
Weitere Risikofaktoren für Skorbut sind Essstörungen, Rauchen, Alkoholismus, die Einnahme von Steroiden und Nierenprobleme.
Steigende Lebenshaltungskosten und Skorbut in Industrieländern
Dieser Fall ist zwar nur ein einzelnes Beispiel, doch es gibt schon seit einiger Zeit besorgniserregende Hinweise darauf, dass die Erkrankung in Industrieländern zurückkehrt. Im Vereinigten Königreich hat sich die Zahl der Fälle zwischen 2007 und 2017 mehr als verdoppelt.
„Skorbut ist in der heutigen Zeit steigender Lebenshaltungskosten eine wiederkehrende Diagnose“, warnen Dermawan und sein Team in ihrem Fallbericht.
Da Lebensmittel in Australien um etwa 3 Prozent teurer geworden sind und sich die Preise in Ländern wie dem Vereinigten Königreich im vergangenen Jahr um nahezu 6 Prozent erhöht haben, müssen weltweit immer mehr Menschen mit geringem Einkommen schwierige Entscheidungen treffen, um über die Runden zu kommen.
„Die steigenden Lebenshaltungskosten führen dazu, dass Menschen stärker auf preiswertere Lebensmittel angewiesen sind, die meist einen geringen Nährwert haben“, heisst es weiter in dem Bericht des Teams.
Lebensmittel mit wenigen Nährstoffen sättigen häufig stärker und enthalten viele Kalorien. Daher ist es nachvollziehbar, dass Menschen mit knappem Budget eher auf sie zurückgreifen. Weniger bekannt ist möglicherweise, dass zu langes Garen Nährstoffe wie Vitamin C zerstört. Der Zugang zu rohem Obst und Gemüse ist deshalb wichtig, damit der Körper die Ressourcen erhält, die er für ein reibungsloses Funktionieren benötigt.
Vitamin-C-Mangel und kognitive Beeinträchtigungen
Auch weniger ausgeprägte Vitamin-C-Mängel werden bei älteren Menschen mit Problemen beim Erinnern und Entscheiden in Verbindung gebracht. Eine Studie aus dem Jahr 2022 stellte fest, dass ein Vitamin-C-Mangel mit kognitiven Beeinträchtigungen assoziiert war.
„Frühere Forschung hat gezeigt, dass Vitamin C eine bedeutende Rolle für die Funktionsweise des Gehirns spielt. Studien haben ergeben, dass ein Vitamin-C-Mangel mit kognitiven Beeinträchtigungen, Depressionen und Verwirrtheit verbunden sein kann“, sagte der Arzt Yogesh Sharma von der Flinders University damals.
„Da bekannt ist, dass Vitamin-C-Mangel bei älteren Krankenhauspatienten häufig vorkommt, müssen medizinische Fachkräfte bei dieser Erkrankung wachsam bleiben und in Verdachtsfällen den Vitamin-C-Status eines Patienten überprüfen.“
Diese Fallstudie wurde in BMJ Case Reports veröffentlicht.
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